Enkeltrick 2.0: Wenn Betrüger die Stimme der Enkel klonen
Von Michael Mair ·
Eine neue Welle des Enkeltricks rollt durch Deutschland: Mit Künstlicher Intelligenz klonen Betrüger die Stimmen von Kindern und Enkeln – und ich höre am Telefon wirklich die vertraute Stimme meiner Tochter. Wie diese Masche funktioniert, woran ich sie erkenne und welches eine einfache Methode meine ganze Familie schützt.
Worum es geht
Der klassische Enkeltrick – „Oma, ich bin's, ich brauche dringend Geld" – ist mittlerweile in einer neuen, viel gefährlicheren Form unterwegs. Kriminelle nutzen heute frei verfügbare KI-Werkzeuge, um aus wenigen Sekunden Sprachmaterial (zum Beispiel aus einem TikTok-, Instagram- oder Facebook-Video meines Enkels) eine täuschend echte Stimmkopie zu erzeugen. Das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) und die Verbraucherzentralen warnen seit Anfang 2026 ausdrücklich vor dieser Variante. Im März 2026 wurde der Fall einer 82-jährigen Frau bekannt, die am Telefon die weinende Stimme ihrer „Tochter" hörte – in Wahrheit eine KI-Fälschung.
So läuft die Masche ab
- Material sammeln: Bereits 3 bis 30 Sekunden öffentliche Sprachaufnahmen reichen für ein gutes Stimmenklonen.
- Anruf mit Schock-Szenario: Es klingelt das Telefon, eine vertraute Stimme weint, schreit oder klingt verzweifelt. Häufige Szenarien: schwerer Verkehrsunfall, Festnahme, Krankenhaus-Notlage.
- Übergabe an „Polizist" oder „Anwalt": Eine zweite Person übernimmt das Gespräch und fordert eine sofortige „Kaution" oder „Behandlungskosten" – meist in bar oder per Goldbarren.
- Abholung: Ein angeblicher Bote oder Polizist kommt zur Wohnung und nimmt das Geld entgegen.
Die 5 wichtigsten Warnsignale
- Extremer Zeitdruck. Echte Polizei und echte Angehörige geben mir immer Zeit zum Nachdenken.
- Druck zur Geheimhaltung. „Erzähl es niemandem, sonst …" ist immer ein Warnzeichen.
- Aufforderung zu Bargeld oder Wertgegenständen. Weder Polizei noch Behörden holen jemals Bargeld oder Schmuck zu Hause ab.
- Anruf von unbekannter oder unterdrückter Nummer. Die echte Nummer meines Enkels ist im Telefon gespeichert.
- Ich werde gedrängt, am Apparat zu bleiben. So soll verhindert werden, dass ich die echte Person zurückrufe.
Mein bester Schutz: das Familien-Codewort
Die deutlichste Empfehlung von BSI und Verbraucherzentrale für 2026: Vereinbare mit deiner Familie ein gemeinsames Codewort. Es soll:
- für Außenstehende nicht erratbar sein (also nicht der Name vom Hund),
- in keinem öffentlichen Beitrag im Internet auftauchen,
- nur mündlich weitergegeben werden.
- Bei einem verdächtigen Anruf frage ich nach diesem Codewort. Wer es nicht kennt, ist nicht meine Familie – egal wie echt die Stimme klingt.
Was tun, wenn der Anruf kommt?
- Auflegen. Nicht diskutieren, nicht argumentieren.
- Selbst zurückrufen. Über die im Telefon gespeicherte echte Nummer meines Angehörigen.
- Polizei verständigen. Notruf 110. Wenn schon Geld geflossen ist: Anzeige erstatten und die Bank sofort informieren – manchmal lassen sich Überweisungen noch stoppen.
- Anruf melden. An die Verbraucherzentrale (phishing@verbraucherzentrale.nrw) und an das BSI.
Mein persönlicher Tipp
Das Familien-Codewort am besten beim nächsten Familientreffen abstimmen und es nicht in eine WhatsApp-Gruppe stellen. Wenn Hilfe bei der Einrichtung deines Telefons benötigt wird – sichere Notfallkontakte, Anrufer-Erkennung, Block-Listen – melden Sie sich gerne bei mir!
Quellen
BSI – „Einfach Cybersicher" Newsletter vom 05.11.2025:
Verbraucherzentrale Brandenburg – „KI and me. Schockanrufe in neuem Gewand", 26.01.2026:
Polizeiliche Kriminalprävention – „Schockanrufe – So schützen Sie sich":
Bundesrat – Gesetzentwurf zum strafrechtlichen Schutz vor Deepfakes (Drucksache 222/24):
upday News – „82-Jährige hört am Telefon ihre Tochter weinen", 13.03.2026: